die Corona-Krise hat uns fest im Griff und ist für viele Menschen auch in Niedersachsen mit sehr ungewohnten und teils sehr belastenden Herausforderungen verbunden.

Heute möchten wir nicht auf fraglos weiterhin notwendige Forderungen unserer Profession eingehen, die wir stellen, um unserem Auftrag der Behandlung von psychisch erkrankten und in Not geratenen Menschen möglichst umfänglich nachkommen zu können. Vielmehr möchten wir Ihnen im Folgenden darstellen, wo wir unter den gegenwärtigen Bedingungen die Hauptherausforderungen an unsere Profession sehen, unseren Beitrag zur Bewältigung der Krise und zur Minderung dadurch verursachten psychischen Leids zu leisten. Dabei sind wir uns bewusst, dass unsere Verantwortung zu helfen bei vielen von uns auf die eigene Betroffenheit, die Auswirkungen der Krise zu bewältigen, trifft.

In vielen Gesprächen mit Ihnen, in denen Sie aus Ihren aktuellen Erfahrungen berichten wie in vielen Gesprächen mit Vertreter*innen anderer im Gesundheitswesen tätigen Professionen habe sich wesentlich vier Gruppen von Menschen herauskristallisiert, die gegenwärtig in besonderem Maße auf eine professionelle Unterstützung und Behandlung angewiesen sind.

Besonders belastete Gruppen

Da sind zunächst die Mitarbeiter*innen der Alten- und Pflegeeinrichtungen wie der ambulanten Pflegedienste, die gegenwärtig mit einer sehr hohen Arbeitsbelastung zu kämpfen haben. Es gibt die große Sorge, selbst infiziert zu werden und dann die besonders schutzbedürftigen Betreuten zu infizieren. Es gibt weiterhin nicht annähernd ausreichend Schutzkleidung, insbesondere entsprechenden Mundschutz. Es gibt eine enorm hohe Arbeitsbelastung und obendrein noch viele Vorwürfe von Angehörigen, bei denen nachvollziehbar oft auch die Nerven blank liegen.

Die zweite Gruppe sind die Angehörigen der Menschen in den Alten- und Pflegeheimen wie den Menschen, die in den Krankenhäusern behandelt werden. Die große Sorge um die Familienmitglieder, die nicht oder nur sehr eingeschränkt besucht werden können, selbst wenn sie im Sterben lieben, und die damit verbundenen seelischen Belastungen gehen nicht selten über das Verkraftbare hinaus.

Bei den Pflegekräften und Ärzt*innen in den Krankenhäusern stellt sich die Belastung gegenwärtig sehr unterschiedlich dar. In einigen Bereichen herrscht relative Ruhe, in anderen ist die Arbeitsbelastung bereits enorm hoch. Der Mangel an ausreichender Schutzkleidung ist hier vielerorts weiterhin eine Belastung. Sich häufende Meldungen, dass sich in Krankenhäusern Infektionen übertragen verschärft die Situationen deutlich. Die bisher noch in den Anfängen steckenden Möglichkeiten der Behandlung von an Covid 19 schwer Erkrankten und die Ungewissheit darüber, was wohl noch kommen mag sind weitere Faktoren, die hier schnell vermehrt zu Extrembelastungen und möglichen psychischen Überforderungen führen können.

Schließlich gibt es die Menschen, die von den Gesundheitsämtern in Quarantäne geschickt werden sowie diejenigen, die aufgrund von Kindergarten- und Schulschließungen, wie aufgrund von Kurzarbeit oder Betriebsschließungen plötzlich sehr viel Zeit zuhause verbringen müssen. Hier sind es nicht selten seelische Erkrankungen, deren Symptomatik sich unter diesen Bedingungen deutlich verstärken kann. Aber auch sonst gesunde Menschen, die auf die ungewohnten Belastungen krisenhaft reagieren. Wir kennen die Warnungen aus den Medien, die auf das wachsende Risiko zunehmender eskalierender Konflikte und damit einhergehender Fälle „Häuslicher Gewalt“ hinweisen. Mehr als sonst sind die Türen dicht und Menschen schotten sich ab. Und gerade Kinder und Jugendliche haben aufgrund geschlossener oder nur bedingt geöffneter Bildungs- und Betreuungseinrichtungen keinen Kontakt zu ihren außerfamiliären Bezugspersonen, denen sie sich im Bedarfsfall anvertrauen könnten. Wir wissen bisher wenig darüber, ob die befürchteten Eskalationen stattfinden. Aber es ist derzeit sicher angemessen, sowohl im beruflichen Kontext als auch im sozialen Umfeld mit besonderer Aufmerksamkeit auf Schilderungen von familiären Konflikten und Belastungen zu achten und ruhig einmal mehr nachzufragen, auf welche Weise unseren Mitmenschen der Umgang mit der Krisensituation gelingt und ggf. auf Hilfsangebote zu verweisen. (Diese finden Sie u.a. auch auf der PKN-Homepage.) 

Unsere Aufgabe

Bei all den genannten Gruppen ist es nicht die primäre Aufgabe unserer Profession, als stützende*r Gesprächspartner*in zur Verfügung zu stehen. Vielmehr verfügen wir über die diagnostische Kompetenz, hier zeitnahe den Grad der Belastung und den sich daraus ergebende Bedarf an Behandlung festzustellen. Ob dann z.B. Interventionen aus dem Bereich der Notfallpsychologie, notwendig Akutbehandlungen mit entsprechenden traumatherapeutischen Interventionen indiziert sind oder eine Weitervermittlung in niedrigschwellige Entlastungsangebote sinnvoll erscheinen, kann von uns schnell abgeklärt werden. Kurzfristige psychotherapeutische Kriseninterventionen können selbst durchgeführt werden. Evtl. notwenige längerfristige Behandlungen können angebahnt werden.

Unsere gegenwärtigen Möglichkeiten

Mit den gegenwärtigen Möglichkeiten haben die Kolleg*innen unter uns, die mit einer Kassenzulassung in ihren Praxen arbeiten, einige Möglichkeiten, die wir offensiv nutzen sollten, um der beschriebenen Verantwortung gerecht zu werden:

Wir können kurzfristig Sprechstunden anbieten, die in unseren Praxen unter Einhaltung der entsprechenden Hygienestandards durchgeführt werden. Wir sollten hier unsere Möglichkeiten nutzen, den akut durch die Krise belasteten Menschen einen schellen Zugang zu uns zu ermöglichen.

Wir können diese Sprechstunden auch von Beginn an als Videosprechstunde anbieten. Gerade bei den Menschen, die mit einer höheren Wahrscheinlichkeit selbst infiziert sind, die zu den Risikogruppen gehören oder die in häuslicher Quarantäne sind, ist dies die Möglichkeit der Wahl.

Wir können weiterhin bzw. vermehrt Termine für Sprechstunden oder für Akuttherapien (letzteres leider nur im unmittelbaren Kontakt in den Praxen) an die Terminservicestelle melden.

Wir können unsere telefonische Erreichbarkeit erhöhen.

Wir können telefonische Behandlungen anbieten, allerdings nur, wenn es in den letzten 18 Monaten bereits einen Patientenkontakt gab, oder wenigsten ein persönlicher Kontakt in der Praxis oder ein Videokontakt möglich ist. (Leider konnten wir an diesen Beschränkungen bisher nichts ändern. Das schränkt gerade bei Menschen, die in Quarantäne sind oder einfach aufgrund der Gefahr, infiziert zu sein und andere anstecken zu können, möglichst wenig aus dem Haus gehen sowie denjenigen, die selbst zu einer Risikogruppe gehören, die Behandlungsmöglichkeiten auf die Videobehandlung ein, die allerdings nicht von allen und nicht überall genutzt werden kann.)

Was wir - wie bereits erwähnt - leider auch nicht ändern konnten ist, dass Akutbehandlungen weiterhin nicht per Video oder Telefon angeboten werden können. Hier müssen wir auf psychotherapeutische Gespräche (unter den eben genannten Einschränkungen) oder auf schnell eingeleitete Kurzzeittherapien zurückgreifen.

Kooperation mit der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen

In Absprache mit der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen möchten wir Sie zudem bitten, Ihre Bereitschaft, den o.g. Menschen ein Angebot zur diagnostischen Abklärung und Krisenintervention zu machen, Ihre jeweiligen Bezirksstelle formlos mitzuteilen. Die Bezirksstellen geben dann diese Listen an die in Ihrer Region praktizierenden Hausärzte weiter, die dann wiederum ihren Patient*innen konkrete Psychotherapeut*innen in der Region nennen können.

Wir erwarten darüber hinaus auch weitere Anfragen an uns, wie wir uns z.B. an einer Hotline speziell für Angehörige der Pflegeberufe beteiligen können. Hierüber werden wir Sie zeitnahe informieren. Auch eine allgemeine Hotline in der Corona-Krise, wie sie in Baden-Württemberg diese Woche an den Start geht, ist evtl. möglich.

Leider können sich unsere Kolleg*innen in den Privatpraxen bisher nicht in gleichem Maße einbringen, wie oben dargestellt. Die privaten Krankenversicherungen wie die Beihilfe geben allerdings in aller Regel ihre Zustimmung auch für Behandlungen per Video oder Telefon. Fragen Sie dies in den konkreten Fällen nach.

Sind Sie angestellt tätig, so werden Sie sicherlich in Ihrem jeweiligen Arbeitsfeld in Ihrem Team besprechen, wo Hilfe gefragt ist und wie zeitnah auf neue Herausforderungen reagiert werden kann. In manchen Bereichen scheint so etwas wie die Ruhe vor dem Sturm zu herrschen, in anderen werden die neuen Herausforderungen mutig angegangen.

Der Vorstand Ihrer Psychotherapeutenkammer nutzt die Gelegenheit, sich bei Ihnen allen für Ihr Engagement zu danken! Schreiben Sie uns weiterhin Ihre Erfahrungen, Fragen und Anliegen! So sind wir zuversichtlich unseren Beitrag zur Bewältigung dieser Krise, die sie zweifelsohne ist und auch noch einige Zeit bleiben wird, leisten zu können.

Mit kollegialem Gruß

Roman Rudyk
Jörg Hermann
Kordula Horstmann
Andreas Kretschmar 
Götz Schwope


Psychotherapeutenkammer Niedersachsen
Roman Rudyk
Leisewitzstraße 47
30175 Hannover
Deutschland

051185030430

Kammertelegramm: Kriseninterventionen & vulnerable Gruppen